Tour de France-Tipps von Roadcaptain Damien Howson
Damien Howson ist der erfahrenste Grand-Tour-Fahrer im Tour-de-France-Team von Pinarello Q36.5 Pro Cycling. Mit 12 Grand Tours auf dem Konto, darunter wichtige Domestiken-Einsätze beim Sieg von Simon Yates bei der Vuelta 2018, Tom Pidcocks 3. Platz 2025 und Esteban Chavez‘ Podiumsplatz beim Giro d’Italia 2017, hat Howson bei jeder Grand Tour Erfolge gefeiert, mit einer Ausnahme: der Tour de France. Sein persönliches Ziel, seit er Ende letzten Jahres von der Teilnahme von Pinarello – Q36.5 erfuhr: das ein für alle Mal richtigzustellen.
Damien, 12 Grand Tours, einige Team-Siege, einige DNFs, viele Wochen voller Hoffnung und auch Verzweiflung … Was ist die wichtigste Lektion, die du über die Jahre gelernt hast? Wie geht man eine Grand Tour an?
Es klingt banal, ist aber die wichtigste Lektion überhaupt: Grand Tours sind lang, und jede Form von Energieersparnis, ob mental oder körperlich, zahlt sich über drei Wochen hinweg aus. Außerdem stimmt die Annahme nicht, dass es nur noch bergab geht, sobald man müde ist. Der Körper erholt sich auf eine erstaunliche Weise. Ein schlechter Tag bedeutet nicht, dass der Rest der Tour verloren ist. Die Dinge können sich genauso schnell zum Guten wenden, wie sie sich zuvor verschlechtert haben.
Was war der größte Fehler, den du in den letzten 13 Jahren gemacht hast?
Seit meinem Einstieg ist die größte Entwicklung im Radsport die Ernährung. Sie ist heute viel präziser abgestimmt. Rückblickend habe ich bei früheren Grand Tours deutlich zu wenig Energie aufgenommen. Ich kann mich an mindestens drei, vier Tage erinnern, an denen mir vor Erreichen meines Ziels die Energie ausging, und ich glaube, das war im Peloton damals recht verbreitet. Heute ist es kein Geheimnis mehr, wie es funktioniert, und wir achten wirklich sehr darauf. Auch da wir wissen, dass ein Defizit an einem Tag vielleicht nicht sofort spürbar ist, sich aber in den Folgetagen bemerkbar macht. Ernährung ist also definitiv ein wichtiger Punkt, aber genauso wichtig ist eine positive Einstellung.
In den ersten paar Minuten hast du den mentalen Aspekt von Grand Tours schon zweimal erwähnt. Kannst du diesen genauer erklären?
Ja, es ist extrem wichtig, über die drei Wochen hinweg Momente zu finden, die wenige freie Zeit, die einem zur Verfügung stehen, optimal zu nutzen. Sei es ein Telefonat mit der Familie, ein Buch lesen, Musik hören oder ein belangloses Spiel auf dem Handy spielen. Man muss Wege finden, sich zu entspannen. Außerdem wurde mir schon früh in meiner Karriere gesagt, dass, verglichen mit jemandem, der darauf verzichtet, ein tägliches einstündiges Nickerchen über 21 Tage hinweg einen kompletten zusätzlichen Schlaftag ausmacht. So summiert sich einfach alles, und in einer Grand Tour ballt sich eben alles zusammen. Man ist so lange am Tag „on“, vom Rennen selbst über die Erholung, Presseverpflichtungen, Essen, Massage bis zu Eisbädern. Das gehört alles zum Job, erfordert Konzentration und fordert seinen Tribut …
Daran anschließend: Welchen Rat würdest du einem jungen Fahrer geben, der zum ersten Mal zur Tour fährt?
Nun, Grand Tours sind schon für sich genommen sehr speziell, aber die Tour ist noch einmal eine Stufe darüber: Mit all den zusätzlichen Verpflichtungen, der Anspannung, der Presse, mehr Meinungen, mehr Fans am Straßenrand… einfach alles ist intensiver, und das kann manchmal ziemlich überwältigend sein. Bei meiner ersten Grand Tour wurde mir gesagt: „Behandle es wie jedes andere Rennen.“ Und obwohl ich das an sich für unmöglich halte, ist das doch immer noch mein Rat. Halte an deinen normalen Routinen fest. Denk daran, dass dein Team dich aus einem bestimmten Grund für das Rennen ausgewählt hat, und dieser Grund ist das, was du bei anderen Rennen gezeigt hast. Versuch also, das zu tun, was du normalerweise bei Rennen machst.
Du hast mir erzählt, dass die Tour dein Hauptziel für dieses Jahr wurde, sobald du erfahren hast, dass Pinarello Q36.5 2026 eingeladen wird. Warum wolltest du unbedingt zurückkommen?
In meiner Karriere und über die 12 Grand Tours, die ich gefahren bin, hatte ich das Glück, Teil von Teams zu sein, die sehr erfolgreich waren. Sei es der Sieg mit Yates 2018, Chavez‘ zweiter Platz 2017 oder Toms [Pidcocks] Podium letztes Jahr bei der Vuelta. Aber ich war erst zweimal bei der Tour, und obwohl wir beim ersten Mal Erfolge hatten, zum Beispiel den Sieg im weißen Trikot mit Yates, war das irgendwie kein Ergebnis, das gezeigt hat, wie besonders das Tour-Erlebnis wirklich ist. Beim zweiten Mal lief nichts nach Plan: keine GC-Ambitionen, zwei Wochen lang Etappen hinterherjagen und schließlich ein Sturz auf Etappe 16, der das Aus bedeutete. Deshalb hatte ich das Gefühl, dass ich noch einmal zurückkehren möchte, bevor meine Karriere endet, schließlich hatte ich bei anderen Touren bereits Erfolg. Ich wollte das Umfeld noch einmal genießen, den Adrenalinschub spüren und hoffentlich den Erfolg erleben, den ich dort noch nicht hatte. Ob nun eine Etappe für das Team oder ein gutes GC-Ergebnis. Also ja: eine offene Rechnung.
Welchen persönlichen Anspruch hast du?
Einfach das größte Etappenrennen der Welt noch einmal genießen. Ich habe mir vor neun Wochen das Schlüsselbein gebrochen, und es gab Momente, in denen ich nicht glaubte, dass es überhaupt klappen würde. Deshalb bin ich einfach froh, hier zu sein, und bereit, es zu genießen. Und ja … die offene Rechnung.
Was ist das wichtigste Teil, das du in deinem Koffer verstaust?
Ehrlich gesagt nehme ich zu jedem Rennen die gleichen Dinge mit. Das gehört einfach zu dem, was ich vorhin gesagt habe: die Tour genauso zu behandeln wie jedes andere Rennen. Aber wenn es eine Sache gibt, die wirklich wichtig ist, dann ist es das Kopfkissen. Man schläft in 21 verschiedenen Betten an 21 Nächten, da ist etwas Vertrautes wichtig. Und natürlich Dinge, die einem helfen, in der freien Zeit zu entspannen: also in meinem Fall das iPad, um einen Film zu schauen, und ein gutes Paar Kopfhörer.
Was ist dein Tipp oder Ratschlag, um sich „wie ein Profi zu kleiden“?
Immer vorbereitet zu sein, besonders bei der Tour, bei der man auf Alpenetappen bei 35 °C startet und beim dritten Anstieg des Tages plötzlich in strömendem Regen fährt und es auf einmal 20 °C weniger sind. Für mich bedeutet das: Wenn ich im Hotel in Barcelona ankomme, gehe ich meine Rain Bag Sporttasche durch und stelle sicher, dass alles an seinem Platz ist, dass ich jede Jacke anprobiert habe und sicher gehen kann, dass sie passen.
Außerdem fahre ich bis zum Ruhetag jeden Tag im gleichen Skinsuit und wechsle dann am Ruhetag zu einem neuen für die kommende Woche, gleiches gilt für neue Socken usw. Es hilft mir psychologisch sehr, am Ruhetag alles zu sortieren und die nächste Woche mit einem frischen Gefühl zu starten. Davon abgesehen freue ich mich sehr darauf, das neue Kit anzuziehen und die speziellen neuen Schuhe, die Luigi für mich vorbereitet hat, zum ersten Mal im Rennen zu tragen.